Mick Pointer & Friends – Live Music Hall, Köln, D – 17. 12. 2009

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Da ist er also wieder, der legendäre Mick Pointer mit seiner Script For A Jester’s Tour. Äh, Mick wer? Nachdem man sich mit so einer Frage bei Eingeweihten zunächst als bemitleidenswerter Heide outet, erfährt man, dass Mick Pointer Ende der Siebziger Jahre Marillion mitbegründet hatte, nur um 1983 unmittelbar nach dem Debüt-Album Script For A Jester’s Tear gefeuert zu werden. So konnte er die erfolgreichste Phase der Band Mitte der 80er leider nur aus dem heimischen Wohnzimmersessel mitverfolgen.

Aus verständlicher Bitterkeit darüber ist aber im Laufe der Jahre ein merkwürdiges Selbstbewusstsein gewachsen, das ihn unter Anderem heute dazu bringt, seine (zugegebenermaßen sehr gute) Tribute-Band als “Mick Pointer’s Marillion” zu präsentieren. Angesichts der Tatsache, dass der Namensinhaber noch sehr aktiv ist, eine mutige Sache.

Vor der Show stellte sich also die Frage: Amtsanmaßung oder berechtigte Kampfansage? Die Antwort vorneweg: Eine gesunde Mischung aus beidem! Das Vermächtnis aus der gemeinsamen Zeit von Mick Pointer und Marillion bildet eben jenes Album Script For A Jester’s Tear, dessen damalige Tour “Mr. Michael E.T. Pointer” mit seiner Band nun detailgetreu nachzustellen gedachte. Und das ist mit Bravour gelungen.

Die Performance war nämlich keine sterile Imitation (wie man befürchten konnte), sondern eine sehr lebendige, organische und mitreißende Rock-Show auf hohem musikalischen Niveau. Einen maßgeblichen Teil dazu trug Sänger Brian Cummings bei, der nicht nur in Gestik und Mimik dem Original erschreckend nahe kam, sondern vor allem stimmlich alles auf den Punkt brachte, was Fish seinerzeit zu einer einzigartigen Bühnenfigur machte. Auch in den Ansagen blieb Herr Cummings seiner Rolle treu und präsentierte mit schottischem Akzent Anekdoten aus Fishs damaligem Alltag.

Nick Barrett an der Gitarre hatte ebenfalls keine Mühe, Steve Rothery’s hypnotische Riffs und wehklagenden Soli perfekt umzusetzen. Auch Mike Varty an den Keyboards und Ian Salmon am Bass überzeugten mit sehr druckvollem und pointiertem Spiel und hatten sichtlich eine Menge Spaß auf der Bühne.

Man merkte jedem Bandmitglied an, dass hier echte Fans des Original-Materials auf der Bühne standen, und keine spontan angeheuerten Aushilfsmusiker (wie bei so manch anderem heute noch aktiven Ex-Marillion-Mitglied).

Tja, und Mick? Der hat auch überzeugend getrommelt, hatte aber – ganz wie früher – keine Chance, großartig auf sich aufmerksam zu machen, da die Gesangsperformance nun mal alle Aufmerksamkeit an sich bindet.

Brian Cummings hat auch kein Detail ausgelassen: Maschinengewehrsalven mit dem Mikro-Ständer (Forgotten Sons), massakrierte Gummibäume (The Web) und inszeniertes Abschlachten von Zuschauern (Grendel), wer guckt da schon zum Schlagzeuger?

Insgesamt muss man aber sagen, dass Mick Pointer nicht zu unrecht heute noch sehr erfolgreich drumt (sonst mit seiner Band Arena). Dass er seinerzeit bei Marillion wegen Inkompentenz gefeuert wurde, ist kaum noch nachzuvollziehen, wenn man ihn heute auf der Bühne erlebt. Aber gut, er hatte ja auch ein paar Jährchen Zeit zum üben.

Die Script For A Jester’s Tour also die perfekte Zeitkapsel für Marillion-Fans von damals? Ja, aber nicht nur. Live aufgeführt glänzte das über 25 Jahre alte Song-Material mit überraschender Frische und Relevanz.

Dem Progressive Rock wird zur Zeit ja allgemein ganz gerne die Wiederaufstehung aus dem Leichenkeller der späten Siebziger bescheinigt. Ob zu Recht oder nicht: Druckvoller, grooviger Rock mit großer Geste, garniert mit schwebenden Gitarren und flirrenden Analog-Synthies, das klang auch für moderne Ohren alles andere als angestaubt oder retro.

Eigentlich schade, dass die Zielgruppe der Show nur aus Alt-Marillion-Fans bestand. Der ein oder andere Porcupine Tree- oder Radiohead-Fan hätte bestimmt auch seine Freude an der Show gehabt.

So kamen allerdings nur knapp 100 Leute in den Genuss, Mick Pointer und seine Freunde live zu erleben. Zum Konzert im Januar 2009 waren noch deutlich mehr Leute erschienen. Allerdings rümpfte man auch da schon angesichts von Ticketpreisen um die 30 Euro zu Recht die Nase. Gut möglich, dass das der Grund war, warum jetzt die Resonanz so gering war.

Trotz abgehängter hinterer Hälfte kam in der Live Music Hall leichte Jugendzentrum-Atmosphäre auf. Bevor es losging, stand das Publikum auch dementsprechend ganz hinten schüchtern im Halbkreis herum. Ein ungewöhnlicher Anblick in der sonst bei Konzerten eher zu gut gefüllten Live Music Hall.

FAZIT: A dream fulfilled! Ein nostalgischer Abend mit einer energischen und sowohl musikalisch als auch optisch sehr beeindruckenden Performance, die weit über das Wieder-Aufführen alter Kamellen hinausging. Wenig Publikum, das den Personalmangel im Saal aber mit dopelltem Enthusiasmus ausglich.

RANDNOTIZ: Während Mick Pointer nach der Show fand, es sei jetzt “time to get back to the real music” (seine Band Arena), sprach Mike Varty von 3 weiteren geplanten Script-Shows auf dem europäischen Festland für 2010. Hoffen wir, dass letzterer Recht behält.

Review & Fotos: Björn Kahlenberg


S E T L I S T :

01. Script For A Jester’s Tear
02. He Knows You Know
03. The Web
04. Garden Party
05. Chelsea Monday
06. Forgotten Sons
07. Three Boats Down From The Candy
08. She Chameleon
09. Charting The Single
10. Grendel
11. Market Square Heroes
12. Margaret

Posted by Bjoern   @   18 Dezember 2009

 

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1 Comments

Comments
Jan 5, 2010
12:55 PM
#1 Thom :

Konnte diesmal nicht dabei sein, war aber vor einem Jahr in Dinslaken und Köln und kann nur bestätigen, dass es sich lohnt (nicht nur für Mick, meine ich, auch für den Besucher ;-)

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